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Freitag, 3. August 2012

Die Milch-Lüge? (Teil 1 von 2)

Mit ein paar Tagen Verspätung habe ich "Die Milch-Lüge" aus der Reihe "45min" des NDR gesehen.

Ursprünglich sollte der Bericht schon vor zwei Monaten gesendet werden. Dass der geplante Termin verschoben wurde, bot offensichtlich Stoff für Verschwörungstheoretiker (z. B. hier oder hier).

Die Doku hat einen relativ langen Mittelteil, in dem es unter anderem um Haltung, Zucht und Gesundheit der Kühe geht. Auf diesen Teil werde ich in einem zweiten Post eingehen.

Eingestellt war ich auf (neue) Informationen darüber, ob - und wenn ja, wie - Milch krank machen kann. Immerhin lautete die Zusammenfassung unter dem Video:
"Die Deutschen sind Weltspitze im Verzehr von Milchprodukten. Doch mittlerweile mehren sich die kritischen Stimmen. Milch steht unter Verdacht, Krankheiten auszulösen."

Nach ein paar einleitenden Worten heißt es in der Reportage:
"Dabei gibt es Zweifel an der gesunden Milch. Denn sie steht unter Verdacht, ein möglicher Auslöser für Asthma, Hauterkrankungen, Diabetes oder sogar Krebs zu sein. Kann Milch also nicht nur fit, sondern auch krank machen?"

Moment, ich hab noch gelernt, dass Krebs eine "ernährungsmitbedingte Krankheit" ist. Gibt es da tatsächlich so bahnbrechend neue Erkenntnisse? Krebs wird nicht mehr als multifaktorielle Erkrankung angesehen, sondern lässt sich auf eine einzige Ursache zurückführen?

Prima, dann verzichte ich in Zukunft auch auf die Milch und gewöhn mir stattdessen vielleicht das Rauchen an, schlafe weniger, knall mich in die pralle Mittagssonne und setze meinen Körper auch sonst jeder Art von Stress aus.
Ich machs kurz: Das ist einfach blöd formuliert. In unseren Körpern entarten ständig Zellen, meistens regelt sich das aber von alleine wieder. Richtig schlimm wird es allerdings, wenn gleich mehrere Stressfaktoren (falsche Ernährung, Rauchen, Bewegungsmangel, etc.) zusammen kommen. Da versagt dann schon mal das Reparaturprogramm und entartete Zellen beginnen zu wuchern.
Leider stellt das auch die Ernährungsexpertin nicht klar dar. Drei Minuten dauert es, bis sie endlich zu Wort kommt - nach einigen Kunden im Supermarkt und ein paar grasenden Kühen...

Es ist Antja Gahl von der DGE in Bonn. Fast ganz richtig erklärt sie also, dass es vereinzelte Hinweise in Studien gäbe, denen zufolge Milch - oder das enthaltene Calcium - im Verdacht stehe,
"Krebs zu erzeugen, insbesondere Prostata- oder Brustkrebs, aber die Studienlage hierzu ist nach wie vor nicht einheitlich." (03:30 min)

Milch sei

 "ein komplexes Lebensmittel, und Sie können das statistisch nicht einfach so rausrechnen und sagen das ist auf jeden Fall die Milch oder das ist auf jeden Fall das Calcium." (03:53 min)


Der NDR hält das für
"Eine bemerkenswerte Stellungnahme. Die Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung weiß um mögliche Risiken, die der Milchgenuss mit sich bringen kann, benennt sogar konkret die schlimmsten Folgen in Form von Krebserkrankungen" (04:00 min)
"Für uns Verbraucher empfiehlt die DGE in ihren zehn Ernährungsregeln dennoch, ohne jede Einschränkung, den Genuss von Milch." (4:20 min)

Bemerkenswert ist nicht die Stellungnahme von Frau Gahl. Als Mitarbeiterin der DGE gehört es zu ihren Aufgaben, über die aktuelle Studienlage zu Ernährungsthemen Bescheid zu wissen und dieses Wissen an die Verbraucher weiter zu geben.
Bemerkenswert ist lediglich, dass der NDR zunächst eine falsche Behauptung aufstellt (Die DGE empfiehlt Milchgenuss ohne jede Einschränkung), um sich mit dem nächsten Zitat der Expertin selbst zu widerlegen, denn
"Diese Empfehlungen sind für gesunde Personen." (04:45)

Die erste Einschränkung ist also, dass für Kranke natürlich andere Empfehlungen gelten. Die zweite Einschränkung ergibt sich aus den Empfehlungen für die Anteile der einzelnen Lebensmittelgruppen an der Ernährung und den Empfehlungen für die Energiezufuhr.
Was sich erstmal wie Kauderwelsch anhört, hat der aid verbraucherfreundlich und sehr anschaulich zusammengefasst. Wenn man sich daran hält, kann man kaum was falsch machen. Im Prinzip läuft es darauf hinaus: Iss nicht mehr oder weniger als du brauchst von jeder Lebensmittelgruppe. Mehr ist nicht gut. Weniger auch nicht.

Übrigens: Bananen enthalten Kalium. Wer zu viel davon isst, dem bleibt das Herz stehen. Und wer sich beständig mehr Kalorien reinpfeift, als er verbraucht, wird unweigerlich fett. Essen ist verdammt gefährlich.

Tja, da haben die Macher der Reportage etwas in den Raum geworfen, und da steht es nun.
Das ist wie in diesen amerikanischen Gerichtsserien: Ein Anwalt spricht Mutmaßungen aus, die Gegenseite legt erfolgreich Einspruch ein - und die Geschworenen sollen dann einfach vergessen, was sie gehört haben. Das ist Schwarze Rhetorik. Was hängen bleibt ist: Die DGE erzählt Mist. Wer es nötig hat, so Journalismus zu betreiben...

Und weil die Verantwortlichen für die Doku so schön in Fahrt sind, geht es gleich mit einer Wortklauberei weiter:
"Milch, eine Empfehlung also nur für Gesunde? Auch Margit Felix aus Gelsenkirchen hielt Milch für gesund. Glaubte, dass sie wichtig sei für ihren Körper. Dann wurde sie krank." (04:55 min)

Eben: Danach wurde sie krank. Im konkreten Fall waren es juckender Hautausschlag und Gelenkbeschwerden (~ 05:10). Vom Dermatologen gab es eine Cremé und vom Orthopäden ein Schmerzmittel. Laut Frau Felix hatten beide Ärzte die gleiche Vermutung, was als Ursache in Frage kommt:
"Die Aussagen der beiden Akademiker waren ziemlich einheitlich: Ja, das liegt am Alter."  (05:30 min)

Die verordneten Mittel hätten jedoch keinerlei Linderung gebracht. Nebenbei bemerkt: Das obige Zitat lässt mich vermuten, dass Frau Felix auch von "Schulmedizin" oder "Ganzheitlichkeit" spricht. Natürlich kann ich mich täuschen.
Sie wähnt jedenfalls in Büchern den Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und ihrer Ernährung gefunden zu haben (~ 06:20 min). Ich möchte wetten, dass auch das vielbeschworene, aber ebenso hanebüchene, "Der Murks mit der Milch" vom Kollegen Max Otto Bruker zur Lektüre gehörte. Auf den stößt man zwangsläufig. Doch zu ihm später mehr.
Nachdem sie Milch(produkte) von der Speisekarte strich, hätten sich die Beschwerden innerhalb kürzester Zeit gebessert und seien mittlerweile ganz verschwunden (~ 06:10 min).
Wir erfahren leider nicht, was sich vielleicht sonst noch in Frau Felix´ Leben geändert hat (Rauchen aufgegeben, neuer Job, anderes Waschpulver, neuer Hund als Haustier = mehr Bewegung, Hund gestorben = weniger Haare, auf die sie vielleicht allergisch reagiert, usw.) auch nicht, ob sie die Cremé - oder eine andere - trotzdem weiter benutzt hat oder noch benutzt.
Es kann an der Milch gelegen haben, muss aber nicht. Leider kann man anhand der Reportage nicht feststellen, ob es sich um Korrelation oder Kausalität handelt. Ohne zusätzliche Informationen ist der Fall nichts weiter als eine Anekdote.

Die zweite Experte ist der Lebensmittelchemiker Dr. Michael de Vrese vom Max Rubner Institut in Kiel. Er betont, wie wichtig Calcium in der Ernährung in bestimmten Lebensphasen ist.

Dann wieder die Stimme des NDR aus dem Off:
"Was aber, wenn über die Milch zu viel Calcium aufgenommen wird? Dann nämlich, könnte das für die Knochen so wichtige Vitamin D verdrängt werden. Eine mögliche Folge: Eine Schwächung der Knochen - Osteoporose." (08:30 min)

Wenn zu viel Calcium aufgenommen wird, spielt es eine untergeordnete Rolle, ob dieses Mineral aus Milch, Milchprodukten, Gemüse oder anderen Lebensmitteln aufgenommen wird. Entscheidender ist, wieviel "zu viel" aufgenommen wird. Wie heißt es so schön: Die Dosis macht das Gift.
Zugegeben, mit Parmesan kommt man relativ schnell auf beachtlich hohe Mengen. Aber wer alles mit Käse überbackt, ernährt sich eben auch nicht ausgewogen. Ein paar Calciumgehalte im Vergleich.

Als dritter Experte tritt Prof. Dr. Bodo Melnik auf. Er ist Dozent an der Universität Osnabrück und Dermatologe.
Milchprodukte seien aus seine Sicht zwar nach der Geburt wichtig, mit zunehmendem Alter könnten sich jedoch die positiven Effekte umkehren (~ 09:00 min). Wörtlich sagt er:
"Mit hohen [. .] Überlastungen von Calcium, wie es eben durch den Konsum von Milchprodukten die Folge ist, fahren wir den Vitamin D-Haushalt in den Keller. Das bedeutet, die Milch hat eher die Gefahr, Osteoporose auszulösen." (09:25 min)

Richtiger wäre: "Mit hohen Überlastungen, wie es durch den übermäßigen Konsum von Milchprodukten die Folge ist".

Weiter heißt es über Prof. Dr. Bodo Melnik:
"Seine Erfahrung: Wenn seine Patienten [Anmerkung: gemeint sind die Patienten seiner Hautarztpraxis] Milch- und Milchprodukte konsequent mieden, besserte sich ihr Zustand häufig." (10:20)

Das glaube ich gerne. Falls diese Beobachtung aber nicht methodisch erfolgt, unterliegt sie den üblichen Unzulänglichkeiten unserer menschlichen Wahrnehmung. Mit Wissenschaft hätte das nichts zu tun, die Aussagekraft wäre praktisch Null.

Melnik über die Bedeutung der Milch in unserer Ernährung:
"Milch ist ein von der Natur zeitlich begrenztes Signal, was wir [...] in zunehmender Weise [...] erhöht haben im Lauf der letzten Jahrzehnte, und die Milch muss hier sicherlich ganz neu hinterfragt werden." (10:39 min)

Mit Sicherheit! Der Durchschnittsdeutsche isst zu viel von fast allem. Besonders von tierischen Produkten. Doch da gehts auch um die Wurscht, nicht bloß um die Milch.

Auf die Frage, warum manche einen Zusammenhang zwischen Zivilisationskrankheiten und Milchkonsum sehen, antwortet der bereits erwähnte Lebensmittelchemiker Dr. de Vrese:
"Weil es [. .] einfach reizvoller ist, ein Lebensmittel, was eigentlich alle für gesund halten, als riskant hinzustellen. Das ist eine interessante Geschichte. Wenn Sie erzählen würden, dass [...] ein Haushaltsreiniger als Lebensmittel ungeeignet ist - wär sicher keine interessante Geschichte." (12:10 min)

Das Beispiel mag etwas unglücklich sein, die Aussage trifft aber absolut zu. Tote Rockstars verkaufen auch mehr Platten als lebende. Das LeitBILD des bekannten Boulevardblattes.
Auf die Frage, ob es dabei nur um Effekthascherei gehe, ergänzt de Vrese:
"Ich will jetzt nicht sagen, es ist nur Effekhascherei. Die Leute [...] glauben schon daran, also viele jedenfalls. Bei anderen ist es sicher Effekthascherei." (12:35 min)

Es gibt tatsächlich viele Menschen, die das glauben.

Experte Nummer 4 ist der Humanethologe Prof. Wulf Schiefenhövel am Max Plack Institut in Andechs. Der Kern seine Aussage: Anderswo überleben die Leute auch ohne Milch. Aha.

Nach etwa 15 Minuten beginnt der eingangs erwähnte Mittelteil, den ich hier ausspare. Netto ging es bis jetzt vielleicht 10 Minuten tatsächlich um gesundheitliche Aspekte des Milchkonsums.

Nach 37:17 min sind wir bei Familie Nordmann in Berlin zu Gast. Die erste Tochter des Ehepaares litt nach dem Abstillen wochenlang unter juckenden Hautausschlägen und "Magenkrämpfen bis zum Erbrechen" (37:35 min).
Die Mutter berichtet von ergebnislosen Arztbesuchen und Labortests:
"Auch keine Milchunverträglichkeit, obwohl die auch genau getestet wurde." (38:22 min)

So sehr ich den Kummer und den Ärger der Eltern nachvollziehen kann, ich bin doch auch etwas genervt. Vermutlich wurde im Bericht einfach etwas unterschlagen - aber welche Diagnose hat die Kleine denn nun?
Welche Art von Milchunverträglichkeit soll es sein, und ist sie noch einmal getestet worden? Laktoseintoleranz ist etwas ganz anderes als eine Milcheiweißallergie.
Nun bin ich kein Arzt, sondern Ernährungswissenschaftler, doch es spricht einiges dafür, dass es eine Eiweißallergie war. Diese kann sich über die ersten Lebensjahre hinziehen und nicht nur über Wochen, die das Mädchen laut Bericht Symptome aufwies.

Wieder fehlen klare Fakten, wieder bleibt der Leidensweg der Betroffenen eine Anekdote ohne Aussagekraft darüber, welchen Anteil die Milch tatsächlich hatte.

Wie gesagt, ich verstehe die Eltern. Wäre meine Tochter krank, und es gäbe keine Diagnose, würde ich vermutlich auch nach Strohhalmen greifen. Nur den Strohhalm, den Familie Nordmann ergriff, hätte ich nicht mit der Kneifzange angefasst:
Man sei auf die Ernährungslehren des Max Otto Bruker gestoßen, einen "streitbaren, aber politisch naiven" (40:18 min) Arzt. Ich vermute, es war jene Naivität, wegen der Bruker "zeitweise Mitglied in rechtsextremen Organisationen" (40:25 min) war.
Bei so viel Euphemismus in so wenig Sekunden, klappte mir erst einmal die Kinnlade herunter.

Brukers "Lehren" bestehen zum größten Teil aus absurden, unhaltbaren Behauptungen, von denen einige sogar lebensgefährlich werden können.
Was sein zwischenzeitliches, politisches Engagement betrifft: Nun, da wären beispielsweise zehn Jahre in der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung. Den Weltbund zum Schutze des Lebens hat er 1960 mitgegründet, war später Vize-, dann zweimal Präsident - zuletzt 1982. Und das sind nur Brukers wichtigste Stationen. Aber all das ist natürlich nur ein Pappenstil, bezogen auf ein ganzes Leben.

Was bleibt unterm Strich vom "Gesundheitsteil" der Reportage?

  • Etwa ein Drittel der Gesamtlaufzeit sind etwas kläglich, bedenkt man, wie die Sendung in der Mediathek (und offensichtlich auch anderswo - siehe die Verschwörer) angekündigt wurde.
  • Viel Larifari, wenig Fakten
  • teils unredliche Rhetorik
  • Bruker - ein ideologisch mehr als fragwürdiger Quacksalber - als "Retter in der Not"  
  • Die Binsenweisheit, dass Lebensmittel oder einzelne Inhaltsstoffe krank machen können - man muss nur tüchtig reinschaufeln.
  • Keine sensationellen, ja nicht einmal sonderlich spannende "Enthüllungen"

Ein dokumentarischer Windbeutel.