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Mittwoch, 13. Juni 2012

Terry beschließt zu sterben

(Gedanken zu Sterbehilfe, Patientenverfügung, Organ- und Knochenmarkspende)


Nein, Terry Pratchett - Schöpfer der Scheibenwelt - nimmt noch nicht seinen Hut.
Aber er macht sich schon Gedanken darüber, wie sein Leben mal enden soll.

Denn Pratchett leidet an Alzheimer. Selbst tippen kann er bereits nicht mehr - die Bücher diktiert er mittlerweile seinem Assistenten Rob.
Doch es kommt die Zeit, da nicht einmal mehr das möglich sein wird. Und dann?

"[...] I know that time will come when words will fail me. When I can no longer write my books, I´m not sure that I will want to go on living. 
I want to enjoy life for as long as I can squeeze the juice out of it, and then... I´d like to die"

So formuliert es "Pterry" in der 2011 erschienenen Dokumentation "Choosing to die". In diesem sehenswerten Film spricht der Autor über seine Krankheit, seinen Wunsch nach Selbstbestimmung, aber auch über seine Sorgen und Ängste.
Er reist in die Schweiz zu Dignitas - einem Verein, der Sterbehilfe anbietet. Er ist dort beim Freitod eines seiner Landsmänner dabei. Eine Szene, die auf manche Zuschauer vielleicht verstörend wirkt. Aber sie ist nötig, um sich selbst ein Bild von den Abläufen zu machen.






Einem (unheilbar kranken) Menschen gesteht man es in vielen Ländern nicht zu, sich beim Suizid helfen zu lassen - auch wenn dieser Mensch seine Wünsche und Gründe explizit vorträgt.
Paradox: Dem eigenen Haustier gewährt man einen schmerzlosen Tod, wenn ihm nicht mehr zu helfen ist. Man schläfert es ein, sogar bei PETA. Und das, obwohl Mohrle oder Fiffi eben nicht sagen können, ob sie lieber noch etwas länger aushielten.

Verrückte Welt!

In unserem Kulturkreis ist der Tod leider immer noch ein großes Tabu. Nicht in Spielfilmen oder den Nachrichten, aber über den eigenen Tod machen sich die meisten von uns lieber keine Gedanken. Zu viel Angst wird uns von klein auf eingetrichtert. Wer an Konzepte wie "Himmel" und "Hölle" glaubt, der hat natürlich Sorge, wo er letztlich landet.
Schlimm, dass Glaube sich so absolut resistent gegenüber Beweisen verhält. 

Wer aber akzeptiert, dass nach dem Tod nichts mehr kommt - nichts mehr kommen kann - der braucht auch keine Angst mehr davor zu haben. Und der kapiert vielleicht auch, dass er seine kurze Zeit auf Erden so gut wie möglich nutzen muss! 

Wie Terry, sollten wir den Saft heraus pressen, so lange es geht.

Und wenn wir dann schon zwangsläufig sterben müssen, dann doch so, wie wir es wollen. Und machen wir noch das Beste daraus. Zum Beispiel, indem wir andere Leben retten.

Deshalb gehören die Neuregelungen zur Organspende für mich zu den wichtigsten politischen Änderungen der jüngsten Zeit - ein bisschen weniger Eigennutz täte uns allen gut. Wobei das Wort "Eigennutz" in dem Zusammenhang absurd ist: Einem Toten nützt weder seine Hornhaut, noch seine Leber, noch irgendein anderes seiner Organe mehr.

Ich bin fast mein halbes Leben lang (potentieller) Organspender - meinen ersten Ausweis hab ich 1995 ausgefüllt. Einen Internetzugang hatte ich da noch nicht. Trotzdem gab es auch damals schon die Möglichkeit, sich umfassend über das Thema zu informieren.

Inzwischen nutzen 3/4 der Deutschen über 14 Jahre das Web. Genug Spender gibt es trotzdem nicht. Und warum? Weil man über den eigenen Tod nicht nachdenken möchte. Folglich informiert man sich nicht über Organspende oder Patientenverfügung. Die Berichte über "gekaufte" Plätze oben auf den Transplantationslisten tun ihr übriges. Hierzu finde ich den Post von Roxxane sehr interessant.
Aus Unwissenheit und Unsicherheit wird Angst und Paranoia. Funktionierende Organe, die Leben retten könnten, landen quasi auf dem Müll. 

Die schlimmste Form von Wegwerfmentalität, die ich mir vorstellen kann.

Selbst einer Knochenmarkspende stehen Viele aus Unwissenheit skeptisch gegenüber. Dabei muss man nicht mal sterben, um auf diese Art zu helfen.

Die Chance, ein kompatibles Spender-Empfänger-Päarchen zu finden, ist relativ gering. Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Menschen sich registrieren lassen.

Mal ganz egoistisch betrachtet:

Auch ich könnte irgendwann im Laufe meines Lebens auf eine Knochenmarkspende angewiesen sein. Die Wahrscheinlichkeit mag nicht sehr hoch liegen, aber eines steht fest: Rette ich (vielleicht Jahre vorher) einem Patienten mit meiner Spende das Leben, so lebt er erstmal als potentieller Spender für mich weiter. Ein Spender von nur sehr wenigen, die überhaupt in Frage kämen.

Ist ´ne Überlegung wert, oder?